In dieser Woche haben wir uns mit einer ganzen Reihe seltsamer Phänomene befasst. Alles begann mit der Entdeckung der Jammermentalität in Computerforen, ein Umstand, der zahlreiche Leserkommentare hervorrief.
Die Feststellung, dass das Nörgeln sich gern in Foren, gern auch in Verbindung mit einem heftigen Anspruchsdenken, manifestiert, hat anscheinend einen Nerv getroffen. Da wird lustig und viel und gern auch am Thema vorbeischwadroniert, wobei das Augenmerk, einem geheimen Regelwerk folgend, anscheinend darauf zu liegen hat, an allem und jedem etwas auszusetzen zu haben.
Dabei sind Foren eine gute und richtige Sache, die der Meinungsbildung sehr dienlich sind – nur warum muss es sich bei diesen Meinungen denn fast immer nur um Jammern und Meckern handeln?
Kaum war die Jammermentalität aufgetaucht, folgte auch schon die Steigerung in Form der AERMLS-Erkrankung, die sich in mehr oder minder bizarren Versuchen, die Inhalte von Wikipediaartikeln zu manipulieren oder besser gleich zu verbieten.
Diese Versuche haben, bisher geheimen Forschungsergebnissen zufolge, ihre Ursache in der AERMLS-Erkrankung (Adopted Open Eye Reality Response Maximum Loss Syndrome), die dafür sorgt, dass man, wenn man eine bestimmte Stufe auf der Leiter erreicht hat, sei es nun in Ämtern oder Parlamenten, schlicht die Orientierung verliert. Nur so könne erklärt werden, warum einige dieser Träger von Amt und Würden nicht mehr aus ihrem Büro herausfinden und so eine langfristige Schädigung der Fernsicht auf die Außenwelt davontragen.
Die Betroffenen, kurz auch als Aermlis bezeichnet, weisen ein hohes Potenzial unbestimmter Ängste vor offener Information auf, sind aber durch ihre Einschränkungen vielfach kaum in der Lage, mit diesen Medien umzugehen. In diesem Spannungsfeld neigen sie zu einem bisweilen skurril erscheinenden Aktionismus, der auf spätere Folgen keine Rücksicht nimmt. Sieht der Aermli eine in seinen Augen unkontrollierbare Kommunikationsplattform, beginnt er, in seinem Büro umherzuirren und muss schließlich aktiv werden.
Als Beleg für diese unbekannte Krankheitsform wurde ein Artikel des Online-Magazins Heise Online aufgeführt, nach dem BND-Mitarbeiter angeblich versucht haben sollen, Wikipediaeinträge zu verändern.
Für die Betroffenen Aermlis wirke eine öffentlich zugängliche Information, Auslandsniederlassungen des Goethe-Instituts dienten als “inoffizielle Residenturen” des BND wie ein Trigger – unabhängig von ihrem tatsächlichen Wahrheitsgehalt. Auch die etwas schlichte Veränderung dieses Eintrages in sein Gegenteil, wobei die Veränderung auch noch nachvollziehbar protokolliert wird, seien ein geradezu typisches Aermli-Verhalten.“
Aktueller und auch wesentlich aufsehenerregender war der Fall des Bundestagsabgeordneten Lutz Heilmann, der am 14.11. über eine Einstweilige Verfügung das Portal www.wikipedia.de abschalten ließ, da in einem Beitrag über ihn auf http://de.wikipedia.org angeblich falsche und ehrabschneidende Tatsachenbehauptungen über ihn erfolgt sein sollen. Auch hier konnte die Forschung zitiert werden: „Eine Überreaktion, die in ihrer Durchführung nicht nur völlig sinnlos war, sondern auch keinerlei Rücksicht vor den Folgen für seine Partei genommen hat. Eigentlich ein echter Klassiker. Tragisch dabei ist, dass Herr Heilmann noch recht jung ist – eine solche Fehleinschätzung der modernen Informationslandschaft ist sonst nur bei wesentlich älteren Aermlis anzutreffen. Daher gibt es auch noch Zweifel, ob es sich bei ihm um einen AERMLS-Fall handelt.“
Auch der Parforceritt, der an seiner Partei vorbei geführt wurde, war typisch. Diese zeigte sich entsprechend konsterniert – die Pressesprecherin der Partei Die Linken erklärte in einer E-Mail an die Redaktion, dass die Aktion von Herrn Heilmann „weder mit der Fraktion noch mit dem Parteivorstand abgesprochen oder abgestimmt“ war und man von dem Vorgang selbst überrascht worden sei.
Wer nun geglaubt hat, die menschlichen Katastrophen wären damit für diese Woche erledigt gewesen, sah sich in der Folge mit dem iPhone-Mann konfrontiert, der auch gleich für die dümmste Ausrede des Monats sorgte. Da hat eine Frau in den USA auf dem iPhone Ihres Mannes ein Foto gesehen, das einen elementaren Körperteil ihres Gatten in bestem Zustand freudiger Begeisterung zeigte. Hinzu kam, dass sich dieses Foto im Mailausgang befand, adressiert an eine ihr unbekannte Dame.
Die betroffene Ehefrau stellte ihren Mann zur Rede, der wohl auch im Erfinden von Ausreden nicht ungeübt war. Er berichtete seiner Frau, dass er zwar das Foto gemacht habe, er jedoch völlig unschuldig an der E-Mail sei. Diese habe er nämlich nie nicht geschickt, denn es sei ein bekanntes Problem des iPhone, ab und an ganz von allein ein Bild oder anderes Dokument zu nehmen und an eine E-Mail anzuhängen, diese aber nicht zu versenden.
Die Ehefrau schilderte daraufhin in einem Apple-Support-Forum den Sachverhalt und fragte, ob es einen solchen „bekannten Fehler“ gebe. Mehrere Forenteilnehmer haben ihr dann erklärt, das es natürlich so eine Verkettung von seltsamen Zufällen weder beim iPhone noch, so ist zu vermuten, bei irgendeinem anderen Mobiltelefon gibt. In ihrem letzten Foreneintrag teilte sie dann auch mit, ihr Anwalt würde sich mit den Scheidungspapieren befassen.
Mit menschlichen Makeln ging es weiter, diesmal in Gestalt der Umsatzzahlen des finnischen Handyherstellers Nokia. Das Wirtschaftsmagazin ‘Capital’ berichtete in seiner Ausgabe 15, dass Nokia in den ersten sieben Monaten dieses Jahres nur noch auf einen Marktanteil von 36 Prozent gekommen sei, während dieser im vergangenen Jahr in Deutschland noch 44 Prozent betrug.
In ganz Westeuropa verlor Nokia, so Capital, nur rund zwei Prozent Marktanteil. Weltweit legte der Konzern sogar zu und liegt nun bei fast 40 Prozent.
Wie teuer die Werkschließung in Bochum für Nokia werden kann, zeigt folgende Rechnung: Bleibt es beim Marktanteil von rund 36 Prozent, verkauft Nokia dieses Jahr mit rund zehn Millionen Handys zwei Millionen weniger als noch in 2007. Bei einem Verkaufspreis pro Stück von im Schnitt 110 Euro, entgeht dem Konzern damit in Deutschland ein Umsatz von 220 Millionen Euro. Der Sozialplan beim Abbau der 2.300 Stellen in Bochum kostete 200 Millionen Euro.
Am Freitag schließlich meldete sich dann der Verbraucherzentrale Bundesverband zum Thema Datenschutz zu Wort. Personenbezogene Daten über Verbraucher sind seit langem eine begehrte Ware, vor allem für den (Adress-)Datenhandel und das Erstellen von Kundenprofilen. Das Datenfishing zeigt sich in unterschiedlichster und vom Verbraucher oft unbemerkter Form. Intransparente Einwilligungserklärungen in die Datenverarbeitung und Datennutzung, die zwanghafte Koppelung solch einer Einwilligungserklärung für die Teilnahme an Gewinnspielen oder gar die intransparente Datenverknüpfung und Nutzung beim Scoring-Verfahren sind nur einige wenige Beispiele.
Das Thema Datenschutz tangiert zunehmend die Verbraucherrechte, das heißt, Datenschutz ist auch Verbraucherschutz. Das lukrative Geschäft mit dem Datenhandel boomt, ohne, dass diesem ein wirksamer Gegenpol entgegensetzt wird. Denn unabhängig vom mangelnden Datenschutzbewusstsein sehen sich die wenigsten Verbraucher imstande, von ihren Rechten wie Auskunfts- oder Widerspruchsrecht Gebrauch zu machen, beziehungsweise sie einzuklagen.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband muss zur Kenntnis nehmen, dass insbesondere im Bereich des Verbraucherdatenschutzes die ihm zur Verfügung stehenden Instrumentarien versagen. Denn ein für die Überwachung und Durchsetzung der Verbraucherdatenschutzrechte notwendiger Rechtsanspruch nach § 2 Unterlassungsklagengesetz (UKlaG) scheitert daran, dass Datenschutzgesetze keine Verbraucherschutzgesetze im Sinne dieser Vorschrift sind.
Daher fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband die Stärkung des kollektiven Rechtsschutzes, um die Rechte der Verbraucher durch klagebefugte Verbände auch in Datenschutzfragen umfassend wahrnehmen zu können.
Diesen Beitrag weiterleiten