DĂĽnnes Eis und angeschossene Knie
Heute möchte ich an Ihr Mitgefühl appellieren. Direkt unter uns leben Menschen, die ein schweres Los tragen müssen und doch versuchen, das Beste daraus zu machen. Und so verstecken sie ihr schweres Leid hinter oft schlecht sitzenden Anzügen und einem eben so schlecht sitzenden Lächeln. Dabei können sie nichts dafür – wirklich nicht.
Der bekannte Forscher Aller Richtingen von der Foxhole University in Meiningen, Nordholland, erklärte, es sei vielmehr ein bislang unbekanntes Gen, das dafür sorge, dass man, wenn man eine bestimmte Stufe auf der Leiter erreicht hat, sei es nun in Ämtern oder Parlamenten, schlicht die Orientierung verliert. Nur so könne erklärt werden, betont Aller Richtingen, warum einige dieser Träger von Amt und Würden nicht mehr aus ihrem Büro herausfinden und so eine langfristige Schädigung der Fernsicht auf die Außenwelt davontragen. Diese Veränderungen werden von dem Forscher als Adopted Open Eye Reality Response Maximum Loss Syndrome (AERMLS) bezeichnet. Vielfach würden die fatalen Auswirkungen dieses Gens von der Bevölkerung kaum wahrgenommen, weil sich die Betroffenen instinktiv abschirmen und versuchen, unter sich zu bleiben – was wiederum die Symptome verschlimmert. Ab und an werden aber Ausfälle auch für den unbeteiligten Beobachter sichtbar, etwa, wenn moderne Kommunikationsmittel wie das Internet ins Spiel kommen.
Die AERMLS-Betroffenen, kurz auch Aermlis, weisen ein hohes Potenzial unbestimmter Ängste vor offener Information auf, sind aber durch ihre Einschränkungen vielfach kaum in der Lage, mit diesen Medien umzugehen. In diesem Spannungsfeld neigen Aermlis zu einem bisweilen skurril erscheinenden Aktionismus, der auf spätere Folgen keine Rücksicht nimmt. In ihrer stärksten Ausprägung ähnelt AERMLS hier der klassischen Zwangshandlung. Sieht der Aermli eine in seinen Augen unkontrollierbare Kommunikationsplattform, beginnt er, in seinem Büro umherzuirren und muss schließlich aktiv werden.
Besonders tragisch ist dabei, dass die besonders schweren Fälle, die der Öffentlichkeit bekannt werden, häufig als Zensurbestrebungen, Dummheit oder Inkompetenz verstanden werden – dabei sind es nur Aermlis, die nun einmal nicht anders können.
Als Belege fĂĽr seine Theorie fĂĽhrt Aller Richtingen zwei aktuelle Beispiele an. So wurde im Online-Magazin Heise Online www.heise.de/newsticker/BND-Mitarbeiter-haben-angeblich-Wikipedia-Eintraege-geaendert–/meldung/118874 gemeldet, BND-Mitarbeiter hätten angeblich versucht, Wikipedia-Einträge zu verändern.
Für Aller Richtingen ein klarer Fall eines Aermli-Anfalls: „Die Symptome sind klassisch. Ein unkontrollierbar erscheinendes Medium, Wikipedia, das unbedingt gebändigt werden muss. Typisch dabei, dass auf Folgen, wie IP-Nummern, die, der Meldung zufolge, dem Bundesnachrichtendienst zugeordnet werden konnten, keine Rücksicht genommen wurde.“
Heise Online berichtet, es sei auf der Whistleblower-Seite Wikileaks ein PDF-Dokument mit IP-Nummern-Bereichen aufgetaucht, die angeblich vom Bundesnachrichtendienst verwendet werden. Belegt werden kann diese ungeprĂĽfte und anonyme Information nicht, doch Aller Richtingen sieht sich bestätigt: „Die AERML-Kranken suchen instinktiv Schutz und bilden enge Gemeinschaften, die schon fast die Form von GeheimbĂĽnden annehmen können. Da wirkt natĂĽrlich eine öffentlich zugängliche Information, Auslandsniederlassungen des Goethe-Instituts dienten als “inoffizielle Residenturen” des BND wie ein Trigger – unabhängig von ihrem tatsächlichen Wahrheitsgehalt. Auch die etwas schlichte Veränderung dieses Eintrages in sein Gegenteil, wobei die Veränderung auch noch nachvollziehbar protokolliert wird, ist ein geradezu typisches Aermli-Verhalten.“
Auch Heise Online bestätigt in dem Artikel, dass der BND als Auslandsnachrichtendienst der Bundesrepublik Deutschland zur Gewinnung von Erkenntnissen mit verschleierten Identitäten und Absichten agieren darf. „Da die genauen Aktivitäten des aus der Organisation Gehlen entstandenen Dienstes der Geheimhaltung unterliegen, ist über ihn wenig Gesichertes bekannt.“
Richtingens zweites Beispiel ist aktuelleren Datums, allerdings ist hier noch nicht hundertprozentig klar, ob es sich hier ebenfalls um einen AERMLS-Fall handelt, wenn auch vieles dafĂĽr spricht:
Am 14.11. lies der Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann http://de.wikipedia.org/wiki/Lutz_Heilmann über eine Einstweilige Verfügung das Portal www.wikipedia.de abschalten, da in einem Beitrag über ihn auf de.wikipedia.org angeblich falsche und ehrabschneidende Tatsachenbehauptungen über ihn erfolgt sein sollen. Die Sperrung, die nach einer Änderung des Artikels wieder aufgehoben wurde, wird von Aller Richtingen als klassisches Beispiel angeführt: „Eine Überreaktion, die in ihrer Durchführung nicht nur völlig sinnlos war, sondern auch keinerlei Rücksicht vor den Folgen für seine Partei genommen hat. Eigentlich ein echter Klassiker. Tragisch dabei ist, dass Herr Heilmann noch recht jung ist – eine solche Fehleinschätzung der modernen Informationslandschaft ist sonst nur bei wesentlich älteren Aermlis anzutreffen. Daher gibt es auch noch Zweifel, ob es sich bei ihm um einen AERMLS-Fall handelt.“
Der Ablauf des Falles Heilmann gegen Wikipedia weist jedenfalls einige typische Merkmale auf. So etwa die Sperrung des Suchportals Wikipedia.de, auf der jedoch keine Artikel zu finden sind. Diese werden auf den Servern der wikipedia.org gespeichert und waren auch dort abrufbar. Entsprechend erreichte die – rechtlich einwandfreie – Sperrung das völlige Gegenteil. Der bisher weitgehend unbekannte Herr Heilmann wurde zur öffentlichen, wenn auch nicht beliebten Person.
Auch der Parforceritt, der an seiner Partei vorbei geführt wurde, war typisch. Diese zeigte sich entsprechend konsterniert – die Pressesprecherin der Partei Die Linken erklärte in einer E-Mail an die Redaktion, dass die Aktion von Herrn Heilmann „weder mit der Fraktion noch mit dem Parteivorstand abgesprochen oder abgestimmt“ war und man von dem Vorgang selbst überrascht worden sei.
Hier wird deutlich, wie ein berechtigtes Interesse, nämlich die Wahrung der Persönlichkeitsrechte, durch eine Einschränkung der Wahrnehmung, wie sie beispielsweise bei AERMLS auftritt, zu einer fatalen, schon zensierenden Tendenz werden kann. „Ob AERMLS in der letzten Erkrankungsstufe zu Demokratiefeindlichkeit wird, kann ich noch nicht sagen“, erläutert Aller Richtingen. „Ein Blick auf historische politische Persönlichkeiten lässt jedoch vermuten, dass es in diese Richtung geht“.
Als Heilungschance sieht Aller Richtingen derzeit nur den Weg, den auch Lutz Heilmann gegangen ist: den schmerzhaften und deutlichen Schuss ins Knie. Erst die komplette Umkehrung des gewĂĽnschten Ziels kann davor bewahren, dass der Aermli weiter in diese maĂźlosen Kontrolltendenzen abrutscht.
Ein erster Schritt ist getan, denn Herrn Heilmanns Partei bestätigt: „Für DIE LINKE sind Meinungsfreiheit und ein partizipatives Internet ebenso unverzichtbar für eine moderne demokratische Gesellschaft, wie es selbstverständlich ist, Persönlichkeitsrechte zu achten. Lutz Heilmanns Versuch einer Konfliktlösung war ein Irrweg.“
„Herr Heilmann hätte ja durchaus tun können, was er neben der Wikipediasperrung, auch getan hat – gegen die Behauptungen und Verursacher juristisch vorgehen“, ergänzt Aller Richtingen. „Überzogene Reaktionen wie die, die wir hier erlebt haben, können, sollten sie einmal manifestiert werden, viel weiter reichende Folgen haben – Folgen, vor denen wiederum die Bevölkerung geschützt werden muss. Zur Genesung hilft dem Aermli nur die politische Isolation – auch, damit nicht andere durch sein Verhalten diskreditiert werden.“




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